Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Tagung "Regelfolgen"


Internationale Tagung:
Regelfolgen, Regelschaffen, Regeländerung.
Die Herausforderung für Auto-Nomie und Universalismus durch Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger und Carl Schmitt


Veranstaltungsort und -zeit

01.11.16 – 03.11.16

Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg

Historischer Hörsaal XIV c, Löwengebäude, Universitätsplatz 11, 06108 Halle

Diese Tagung wird gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Exposé

Die Geltung genereller oder universeller Normen, die Anwendung und das Befolgen von Regeln werden immer wieder zum Gegenstand philosophischer und juristischer Reflexionen; so etwa wenn Zweifel an einem von Gott in die Herzen der Menschen geschriebenen Naturrecht oder an einer dem Bewusstsein zugänglichen universellen Vernunft oder auch an den üblichen Verfahren der Normsetzung und Normanwendung auftauchen. Zusätzlicher Klärungsbedarf entsteht, wenn die alternativen philosophischen und juristischen Deutungsansätze gleichzeitig ins Wanken geraten, wenn sowohl Naturrecht, Metaphysik und Transzendentalphilosophie, als auch der Positivismus in seinen vielfachen Schattierungen an Glaubwürdigkeit verlieren.

Es rücken Fragen nach der Öffentlichkeit und Privatheit, nach sozialem Ursprung und Praxisbindung von Recht, Moral und Vernunft, von sprachlichen, theoretischen und praktischen Regeln in den Mittelpunkt. Wenn Regeln an eingeübte Handlungsabläufe, an Lebensformen und Weltdeutungen, an kulturell begrenzte Öffentlichkeiten gebunden sind, stellt sich die Frage, inwieweit sie wechselseitig verstehbar und universell diskutierbar sind, aber auch die, inwieweit es noch sinnvoll sein kann, von der Auto-nomie der Individuen zu sprechen.

Wenn wir vor dem Hintergrund dieser Probleme an universell gültigen Prinzipien wie den Menschenrechten und der Forderung nach Autonomie für alle Menschen festhalten wollen, müssen wir uns mit den Fragen und Herausforderungen befassen, die exemplarisch von den im Titel der Tagung angesprochenen Philosophen aufgeworfen wurden und bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben. Wir müssen überlegen, wie wir ihre theoretischen Resultate in eine den modernen Ansprüchen genügende Theorie der Rationalität einbringen.

Auf die einzelnen Autoren bezogen sind die Themen die Folgenden:

Carl Schmitt

Carl Schmitt versucht die vorgegebene Prägung  menschlichen Denkens, die angeblich jedes „objektive“, universellen  Anspruch erhebende Denken verhindert, teils durch groteske  Rassenargumente, teils durch einen eigenwilligen geographischen  Determinismus zu erklären, der universalistische Denkformen auf die  kontingente englische Wendung zum Meer als Lebensraum zurückführt. Es  handelt sich somit auch lediglich um eine historisch bedingte regionale  Denkweise. Später verwendet er den Begriff einer „iconographie  régionale“, welche die Gesamtheit der Mythen, Zeichen, Weltdeutungen  einer bestimmten Kultur umfasst und damit ihre Rationalität, ihre  politischen und normativen Diskurse bestimmt. Der universalistische  Ansatz wäre damit ein Diskurs neben vielen anderen.

Martin Heidegger

Bei Heidegger kommt das Problem des  Regelbegriffs schon in seinen Frühwerken vor: Tatsächlich stellt er  eine Parallele zwischen den Naturgesetzen und menschlichen  Normensystemen her, die einer kritischen Prüfung zu unterziehen sind, um  ihren pragmatischen Aspekt zur Geltung zu bringen. Im Ergebnis können  Regeln auch für Heidegger vom Menschen verfolgt, geschaffen und  geändert werden. Dazu gilt es, das Normenbewusstsein zu berücksichtigen,  das nach der Kehre nochmals zum Tragen kommt: Im späteren Werk  erforscht Heidegger nicht nur die Regeln als Denkformen, sondern auch  wie sie das menschliche Denken prägen. Die Bindung der Regeln an „Natur,  Geschichte, Staat“ soll im Kontext der Tagung nicht so sehr mit Bezug  auf die Diskussion um die schwarzen Hefte Heideggers und seine  Verstrickung in den Nationalsozialismus, sondern eher in ihrer Wirkung  auf die Möglichkeit von Autonomie kritisch und differenziert betrachtet  werden.

Wittgenstein

Bei Wittgenstein stellt sich die Frage nach dem  möglichen theoretischen Zusammenhang zwischen der dem Spätwerk „Über  Gewissheit“ entstammenden Metapher eines Flussbettes, worin sich unsere  Sprache und unser Denken bewegen, und der Einordnung von Ethik und  Ästhetik unter die Dinge, über die man schweigen soll aus dem Tractatus, der entsprechend in seiner Familie als „moralische Tat“ gesehen wurde. Wenn nach den Philosophischen Untersuchungen niemals jemand allein einmal einer Regel folgen kann, Regeln also ein  grundsätzlich öffentliches, soziales Phänomen sind, wenn sich Regeln  grundsätzlich mit Lebensformen und Weltdeutungen verbinden und ich  irgendwann mit meinen Erklärungen am Ende bin, weil „ich es eben so  mache“, wird gleichfalls die Frage nach universellen Regeln und die nach  der individuellen Autonomie virulent. Da Wittgensteins späteres Werk  trotz aller Reden von Sprachspielen von einem tiefen moralischen  Ernst getragen ist, ist der Übergang von der sprachlichen Ebene zur  ethischen oder juristischen Reflexion keineswegs willkürlich.

Themenschwerpunkte

Es lassen sich drei einander überschneidende Themenschwerpunkte eingrenzen:

A. Die Regeln als „universell“ gültige Prinzipien;

B. Regelfolgen und Regelanwenden als soziale Praxis;

C. Die Regeln als formendes und begrenzendes Element von Rationalität;

Durch  diese Themen ergibt sich zwangsläufig eine Verbindung zwischen theoretischer und Praktischer Philosophie. Die Tagung soll die Auseinandersetzung mit den genannten und mit ihnen theoretisch verbundenen Autoren getrennt voneinander oder auch im Vergleich zum Anlass nehmen, um die aufgeworfenen Fragen zu thematisieren und zu untersuchen, ob und wie sich Lösungen für diese Probleme entwickeln lassen.

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